Neue Themen und Perspektiven

Eine rein weibliche Runde von Fußball-Expertinnen, die die letzte Männerfußballpartie Bayern-Dortmund diskutiert? Ein kontroverses Streitgespräch über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, an dem nur Muslime teilnehmen? Eine Feuilleton-Debatte über vermeintlich gecancelte weiße Männer ohne vermeintlich gecancelte weiße Männer? Unvorstellbar.

So ungefähr wirkt die deutsche Medienberichterstattung auf viele Menschen, die nicht der standarddeutschen Norm entsprechen. Die allermeisten Debatten finden ohne sie statt. Sogar dann, wenn es um sie geht: Medien berichten über Menschen mit Behinderung, ohne die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. Sie führen Kopftuchdebatten, nur von den Frauen, die sie tragen, hört man nichts.

Viele Geschichten, Themen und Perspektiven finden nicht statt

Tauchen Vertreter*innen strukturell benachteiligter Gruppen doch mal auf, dann häufig als Problemfall, als Bedrohung des deutschen Normalzustandes: Da wird die Förderung von Akzeptanz für LSBTIQ* in Kita und Schule als „Frühsexualisierung“ zur Gefahr für Kinder skandalisiert. Dabei zeigen Studien eindeutig: Kinder wachsen dort am besten auf, wo sie geliebt werden. Egal ob von Mama und Papa oder Mama und Mama.

Gleichzeitig handelt ein Großteil der Berichte über Eingewanderte und ihre Nachkommen von Gewalt und Kriminalität, von der Bedrohung „unserer” Sicherheit und einer vermeintlichen Belastung der Sozialsysteme. Dass Einwanderer*innen die Gesellschaft tatsächlich entlasten, weil sie beispielsweise deutlich mehr Geld in die Krankenkassen einzahlen, als sie in Anspruch nehmen und wissenschaftlich gesehen kein direkter Zusammenhang zwischen Kriminalität und Migration existiert, erfahren nur die wenigsten Mediennutzer*innen. Dabei haben solche Geschichten den gleichen oder sogar mehr Nachrichtenwert, als Beiträge, die bloß gängige Klischees bestätigen.

Viele Medien scheinen die Agenda der Rechtspopulisten geradezu verinnerlicht zu haben, man denke nur an die absurd hohe Zahl von öffentlich-rechtlichen Talkshows zum angeblichen ‚Flüchtlingsproblem‘. So werden die Rechtspopulisten politisch aufgewertet, vielleicht ohne dass die Verantwortlichen es überhaupt merken.
Kai Hafez, Medienwissenschaftler, Uni Erfurt

Als ginge es zu Weihnachten nur über Alkoholmissbrauch

In einer vielfältigen Gesellschaft entlang von Stereotypen zu berichten, ist einseitig und unprofessionell. Es führt aber auch dazu, dass weite Teile der Lebenswelt vieler Menschen in Deutschland in der Berichterstattung einfach fehlen. Ihre Geschichten, Themen und Perspektiven finden nicht statt. Und wenn doch, drehen sie sich um die größten Defizite. Über die Gefahren des Fastens für Kinder berichten Medien verlässlich und umfangreich an Ramadan, über die spirituelle und familiäre Bedeutung dieser Zeit für Millionen von Menschen erfährt man dagegen kaum etwas.

Welche Wirkung eindimensionale Perspektiven haben, kann man sich gut ausmalen, wenn so ähnlich beispielsweise über Weihnachten berichtet würde. Wenn es ausschließlich darum ginge, dass Heiligabend oft im Familienstreit endet und meistens Alkoholmissbrauch im Spiel ist. Vom ersten Advent an würde ausgebreitet, wie sehr Kinder unter Zankereien leiden, es gäbe Portraits über Frauen, deren Männer an Heiligabend gewalttätig wurden und eine breite mediale Debatte darüber, ob ein Alkoholverbot für Heiligabend eingeführt werden soll.

Das würde so natürlich nie passieren, weil in deutschen Redaktionen alle wissen, dass Weihnachten mehr ist als Suff und Zoff. Ähnlich viele Blickwinkel gibt es auch auf den Fastenmonat Ramadan. Journalist*innen sollten sich Geschichten und Themen nicht entgehen lassen, nur weil sie außerhalb ihrer Vorstellungswelt liegen.

Stellen Sie sich diesen Fall vor: Sie, ein*e Deutsche*r, leben in einem anderen Land, und das Einzige, was in den dortigen Medien über Ihre Kultur thematisiert wird, sind Lederhosen, Pädophile in der Kirche, Neonazis, deutsche Überheblichkeit in der EU und Sex-Tourismus. Welche*r Deutsche empfände das als adäquat, sachlich und ausgewogen?
Sheila Mysorekar, Deutsche Welle Akademie, Vorstandsmitglied der Neuen deutschen Medienmacher*innen e. V.

Für wen berichten wir?

Wer sagt eigentlich, dass so viele Medienberichte ständig um alt-deutsche konservative Zielgruppen kreisen müssen? Wenn etwa im Corona-Sommer 2020 laufend Reiseberichte von deutschen Urlaubszielen gebracht werden, zum Beispiel vom beeindruckenden Elbsandsteingebirge im Nationalpark Sächsische Schweiz, und Karin, Rolf, Jens und Gerlinde im O-Ton von der herrlichen Landschaft schwärmen. Dann fällt den Macher*innen der Beiträge womöglich gar nicht auf, dass Millionen von Menschen in diesem Beitrag nicht gemeint sind, weil sie in solchen Gegenden nicht wandern gehen würden.

In einer kompetenten Redaktion sollte aber der Gedanke aufkommen, dass in Regionen, in denen die Polizei regelmäßig zu Großeinsätzen gegen organisierte Rechtsextreme ausrückt, das Gebirge noch so schön sein mag, People of Color oder Schwarze Menschen werden dort keinen Erholungsurlaub machen können. Sie sind da nicht sicher. Das ist kein Grund, einen Beitrag über die Sächsische Schweiz nicht zu bringen, aber es wäre einer, auch Reiseberichte darüber zu machen, wo Bürger*innen mit Rassismuserfahrungen gefahrlos ihre Ferien verbringen können. Sie wären wahrscheinlich nicht die Einzigen, die sich an solchen Orten wohlfühlen und die Empfehlung zu schätzen wüssten. So entsteht Kund*innenbindung.

Wenn Sie sich erst auf ihren Output konzentrieren, wird sich Ihr jetziges Personal auch nicht gleich bedroht oder übergangen fühlen. Vielfältige Inhalte sorgen dann von allein für Impulse und führen zu Diskussionen darüber, wie Diversity auch innerhalb der Belegschaft verwirklicht werden kann. Dabei geht es auch um wirtschaftliche Interessen. Wir alle versuchen mehr 16- bis 24-Jährige zu erreichen. Sie sind eine der vielfältigsten Publikumsgruppen, mit denen wir je zu tun hatten. Wenn Sie die richtig ansprechen, wird sich das in Ihrer Reichweite widerspiegeln, aber auch in der Vielfalt der Geschichten, die Sie erzählen. Was dann zwangsläufig bedeutet, dass Sie in ihrer Redaktion Leute haben müssen, die diese Geschichten verstehen.
Miranda Wayland, Leiterin „Creative Diversity“ der BBC

Wer objektiv berichten will, braucht mehr Perspektiven

Natürlich können Medienschaffende nie alle erdenklichen Perspektiven einnehmen und über alles berichten. Journalismus zeigt immer nur Ausschnitte der Realität und Journalist*innen treffen die Auswahl. Aber wer nicht alle Seiten eines Themas kennt, hat keine Grundlage für eine informierte Entscheidung. Wer nicht die unterschiedlichen Perspektiven einer Geschichte wahrnimmt und recherchiert, kann nicht sachlich berichten.

Journalist*innen sind keine Maschinen, es ist uns allen kaum möglich, Objektivität zu erreichen. Aber Journalist*innen können sich ihr nähern, wenn sie sich über die eigene Prägung bewusst werden, es schaffen, sich zurücknehmen und ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln so reflektiert und so unvoreingenommen wie möglich zu betrachten.

Sich und die eigene Arbeit unentwegt zu hinterfragen ist am Anfang vielleicht noch irritierend – Journalist*innen müssen schon von Berufs wegen glauben, dass sie ohne Weiteres innerhalb kürzester Zeit verschiedenste Sachverhalte überblicken, einordnen und wiedergeben können. Aber dieser Modus funktioniert leider nur mit genügend Fachwissen zu allen Themen einer pluralen Gesellschaft oder eben in einer Redaktion mit vielfältigen Perspektiven als Korrektiv. Fehlt beides, zahlt es sich aus, die eigenen Beiträge selber immer wieder auf Ressentiments, Stereotype und Perspektivenvielfalt zu überprüfen. Das ist nicht nur ethisch korrekt, es sorgt für bessere Berichterstattung und schafft Raum für neue Themen und Zielgruppen.

Vom NSU bis Hanau

Verinnerlichte Vorurteile herrschen in der ganzen Gesellschaft und finden sich entsprechend auch in rassistischen Mustern in der Berichterstattung. Es war Rassismus in Behörden und Redaktionen, weswegen deutsche Medien sechs Jahre lang über „Döner-Morde“ in „migrantischen Milieus“ spekulierten, anstatt eine rassistische Mordserie auch nur in Betracht zu ziehen. Heute sind viele Journalist*innen sensibler geworden, stellenweise wenigstens.

Nachdem beim rechtsterroristischen Anschlag in Hanau neun Menschen aus Einwandererfamilien getötet wurden, wurde in den ersten Stunden auch gemutmaßt, es ginge möglicherweise um Drogen oder rivalisierende Banden. Aber die Erinnerung an den NSU war präsent, die Vorurteile wurden bald fallen gelassen und die entwürdigende Schlagzeile „Shisha-Morde“ war nur in einem Medium einige Minuten online, bevor sie korrigiert wurde. Es war nur noch selten von fremdenfeindlichen Motiven die Rede, stattdessen wurde Rassismus häufig beim Namen genannt. In vielen Beiträgen stand nicht nur der Täter im Mittelpunkt, oft wurden auch die Namen der Toten genannt. Leider waren sie teilweise falsch geschrieben. Opfer mit deutscher Staatsangehörigkeit wurden als „Ausländer“ oder „Migranten“ deklariert und Kurden wurden als Türken bezeichnet. Das geht besser.

Good Practice: Mut zur Selbstkritik

National Geographic: Das Magazin beauftragte im Jahr 2018 einen unabhängigen Historiker damit, die eigene, über hundert Jahre andauernde Berichterstattung auf Rassismus zu untersuchen. Die Ergebnisse waren erschütternd. Die Zeitschrift veröffentlichte sie unter der Überschrift „For Decades, Our Coverage Was Racist. To Rise Above Our Past, We Must Acknowledge It“. National Geographic wurde für seine Courage von vielen Seiten als vorbildhaft gefeiert. 

Augsburger Allgemeine: Im Juli 2021 machten die beiden Regionalzeitungen ihre neuen Leitlinien zu gendergerechter Sprache öffentlich. Unter der Überschrift „Wie wir unseren Weg in der Gender-Debatte gefunden haben“ gab die Redaktion der Augsburger Allgemeinen auch Einblick in den internen Diskussionsprozess: transparent, nachvollziehbar und selbstkritisch.

DER SPIEGEL: Zum Weltfrauentag 2021 zählte die Redaktion, wie häufig Männer und Frauen in den eigenen Beiträgen vorkommen. Das Ergebnis von rund 40.000 ausgewerteten Artikeln: 107.000 Männern standen nur 28.000 Frauen gegenüber. SPIEGEL-Chefredakteur Steffen Klusmann kündigte an: „Da muss sich was ändern”. 

taz: 2016 übernahmen Menschen mit Behinderung die taz für eine Sonderausgabe. Die stellvertretende Chefredakteurin Katrin Gottschalk nutzte damals die Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, dass es auch in ihrer eigenen Redaktion an Journalist*innen mit Behinderung mangele.

Wir verstehen es als Pflicht, uns durch eine ständige, kritische Auseinandersetzung mit Sprache, Bildauswahl, Themen und der Ablehnung von stereotypischen Darstellungen zu positionieren und unsere Reichweite dazu zu nutzen, die Welt so zu zeigen, wie sie ist – vor und hinter der Kamera. Das erfordert vor allen Dingen, sich selbst immer wieder zu hinterfragen, dazuzulernen und zu diskutieren, denn es gibt noch viel zu tun.
Alexandra Bondi de Antoni, Chefredakteurin, Vogue.de

Good Practice: Mit neuen Themen und Perspektiven zu neuen Zielgruppen

  • Mit Themen und Moderator*innen, die sich auch an ein queeres Publikum wenden und ihre Themen aufnehmen, feierten der ZEIT-Ableger ze.tt sowie funk-Formate wie „Auf Klo“ respektable Erfolge. 
     
  • Der Queerspiegel vom Tagesspiegel und Querfragen oder „Kreuz und Queer“ von evangelisch.de halfen mit, etablierten Medien ein neues zeitgemäßes Image zu verschaffen.
     
  • Queere TV-Formate wie „All You Need“ (ARD), „Loving Her” (ZDF) und „Prince/ss Charming” (VOX) erreichten hohe mediale Aufmerksamkeit.
Wenn LSBTIQ* zur Bedrohung gemacht werden

Fehlende Kenntnisse, Perspektiven und Sensibilitäten prägen auch die Berichterstattung über LSBTIQ*. Das zeigt sich beispielsweise wenn trans* Personen in den Medien Fragen zu ihren Geschlechtsteilen beantworten sollen, die cis Personen aus gutem Grund nie zu hören bekommen.

Es wird genauso deutlich, wenn lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und intergeschlechtliche Menschen zu einer homogenen Gruppe vermengt werden, wenn Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung verwechselt werden oder wenn der CSD als „Schwulenparade“ bezeichnet wird – da fallen Lesben, bisexuelle oder nicht-binäre Menschen einfach unter den Tisch.

Hinzu kommt: LSBTIQ* sind mehr als lesbisch, schwul, bi, trans*, intergeschlechtlich und queer. Auch ihre Erfahrungen sind zum Beispiel durch Hautfarbe, Staatsangehörigkeit, Religion, soziale Herkunft, Alter oder eine Behinderung geprägt. Im Journalismus diesen intersektionalen Aspekt anzuerkennen und zu zeigen, verhindert Klischees und Stereotype zu reproduzieren und reduziert LSBTIQ* nicht nur auf ihre sexuelle Orientierung/Identität oder geschlechtliche Identität.

Nach wie vor werden LSBTIQ* außerdem in manchen Medien als vermeintliche Gefahr dargestellt. Beispielsweise, wenn reißerische Artikel vor angeblichen „Sex-Broschüren“ für Kita-Kinder warnen und den rechtspopulistischen Mythos der „Frühsexualisierung“ heraufbeschwören, nur weil Kindern vermittelt wird, dass nicht nur heterosexuelle Beziehungen existieren.

Medien tragen Verantwortung

Auffällig ist in solchen Debatten häufig ein beleidigter Unterton, wonach sich niemand mehr um die „Normalen“ kümmern würde oder man sich gar schämen müsste, heterosexuell zu sein – wo und wann das jemals der Fall war, bleibt ein Geheimnis.

Klar, solche herabsetzenden Storys gegen LSBTIQ* bringen bei einem bestimmten Publikum Klicks und damit Geld. Richtig ist auch, dass Medien Meinungsvielfalt abbilden sollen. Sie stehen aber auch in der Verantwortung, keine Diskriminierung und Ressentiments zu befördern.

Queere Themen sind viel zu häufig ‚Nischenthemen‘. Es gibt gravierende Missstände für LSBTIQ*s, etwa in der Familie oder Gesundheitspolitik. Wie schwer haben es lesbische Mütter? Wie sehr leiden trans Personen? Und wer nimmt sich die Zeit, diesen Menschen zuzuhören, Missstände zu recherchieren, fachlich kompetent aufzuarbeiten? Das passiert zu selten und auch zu oberflächlich. Ich kenne Argumente aus Redaktionen, wie ‚wen interessiert das?‘ oder ‚das betrifft nur so wenige Menschen‘ oder ‚das ist Identitätspolitik‘. Das ist falsch. LSBTIQ* ist ein Fachgebiet, es geht häufig um Menschenrechtsthemen und die Missstände reichen bis tief in Familien- und Gesellschaftsstrukturen hinein. Guter Journalismus ist, das ernst zu nehmen und abseits der schillernden Darstellungen darüber zu berichten.

Juliane Löffler, Ippen Investigativ

Gastbeitrag: Besser über LSBTIQ* berichten

Von „Geschlechtsumwandlungen“ und „Schwulenparaden“

von Marcus Ulrich

Wer wird wann wie wo repräsentiert – oder eben gerade nicht? Repräsentationen sind politisch und umkämpft. Lesben, Schwule, Bisexuelle und transgeschlechtliche Menschen (LSBT) kommen in der Berichterstattung kaum vor und wenn, dann prägen zu oft Klischees und Stereotype die Narrative. Es geht daher nicht ausschließlich um Sichtbarkeit per se, sondern immer auch um die Art und Weise der Sichtbarkeit.

1. selbstverständlich

LSBT kommen in Artikeln meistens nur vor, wenn es explizit um LSBT geht. Einige Redaktionen haben dankenswerterweise angefangen, auch gleichgeschlechtliche Paare zu zeigen und zu fragen, wenn es um prinzipielle Themen wie Partnerschaft, Familie oder Sexualität geht. LSBT sind Teil der Gesellschaft und sollten als Protagonist:innen auch in anderen Themen vorkommen – sei es in Berichten über Gesundheit, Alter, Schule, Migration, Jugend, Leben auf dem Dorf etc.

2. vielfältig

LSBT sind keine homogene Gruppe. Ihre Diversität fehlt aber oftmals in der Berichterstattung. Wenn der CSD als „Schwulenparade“ bezeichnet wird, fallen etwa Lesben, bisexuelle oder nicht-binäre Menschen wie so oft unter den Tisch. Außerdem werden Erfahrungen von LSBT auch durch etwa Hautfarbe, Staatsbürgerschaft, Religion, soziale Herkunft, Alter oder Vorhandensein einer Behinderung geprägt. Als Journalist*in diese Diversität zu zeigen verhindert auch, Klischees und Stereotype zu reproduzieren und LSBT auf ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität zu reduzieren.

3. diskriminierungskritisch

In Artikeln über Gewaltvorfälle findet sich oft eine implizite Täter-Opfer-Umkehr. Denn es kommt nicht zu Gewalt oder Diskriminierung, weil das Opfer trans: ist oder ein gleichgeschlechtliches Paar Händchen hält, sondern weil die Täter:in homo- oder transphob ist. CSDs werden in fast allen Berichten als „schrill“ beschrieben, ein Wort, das negative Assoziationen und Abwehr weckt. Dafür wird bestenfalls noch das Motto der Demonstrationen erwähnt. Die oftmals sehr konkreten politischen Forderungen werden ignoriert, obwohl jeder CSD-Verein diese aufstellt.

Gänzlich abwegig wird es, wenn etwa Bilder von CSDs als Symbolbilder für Berichte über die Verfolgungsgeschichte von LSBT in Deutschland oder den Alltag von LSBT herhalten müssen. Beliebt sind aber auch anonyme Bilder händchenhaltender Männer von hinten, die kaum Empathie ermöglichen.

4. trans*sensibel

Die Verwendung falscher Personalpronomen, früherer Namen und alter Fotos vor dem Coming-out ist ein No-Go in der Berichterstattung über trans: Personen. Auch Formulierungen wie „war früher mal ein Mann“ oder „als Mädchen geboren“ sind falsch, denn sie implizieren, dass die Geschlechtsidentität von trans: Personen nicht ihr „wirkliches“ Geschlecht ist.

Der Begriff der „Geschlechtsumwandlung“ geht ebenfalls nicht. Denn wenn überhaupt wird der Körper an die Geschlechtsidentität angeglichen. Aber Fragen nach geschlechtsangleichenden Maßnahmen sind prinzipiell sehr übergriffig und voyeuristisch. Oder wie würden Sie sich fühlen, wenn jemand Sie nach Ihren Genitalien fragt? Um zu verdeutlichen, dass Transgeschlechtlichkeit auch nichts mit Sexualität zu tun hat, sollte der Begriff „transsexuell“ eher nicht verwendet werden

5. verantwortungsvoll

Provokativ herabsetzende Aussagen gegen LSBT bringen Clicks und damit Geld. Medien sollen und müssen auch Meinungsvielfalt abbilden, aber sie stehen auch in einer ethischen Verantwortung, Diskriminierung und Ressentiments nicht zu befördern. Als Beispiel sei hier die Akzeptanzförderung in Kindergärten und Grundschulen genannt, die mit dem rechtspopulistischen Kampfbegriff der „Frühsexualisierung“ skandalisiert und diffamiert wird. Dabei wird (bewusst?) verkannt, dass es bei diesen Initiativen gar nicht um sexuelle Praktiken geht, sondern lediglich um Darstellung unterschiedlicher Familienformen und Geschlechterbilder.

Markus Ulrich ist Pressesprecher beim Lesben- und Schwulenverband (LSVD), der größten Bürgerrechtsorganisation für die rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz von Lesben, Schwulen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen in Deutschland und leitet dort seit 2014 auch das Hauptstadtbüro des Verbandes.

Behinderte Menschen sind nicht nur behindert

Ambivalent ist auch die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung: Einerseits wird über große Ereignisse wie die Paralympics immer mehr berichtet, andererseits kommen behinderte Menschen in den Medien immer noch nicht zu Wort, selbst wenn sie direkt betroffen sind.

Nach der Ermordung von vier Menschen mit Behinderung in einer Wohnstätte in Potsdam im April 2021 werden der Pressesprecher der Einrichtung, Polizeipsycholog*innen und Seelsorger*innen zu der Tat befragt, doch die Stimme von behinderten Menschen fehlt. Dabei gehört es schlicht zum Handwerk von Journalist*innen, mit den unmittelbar betroffenen Menschen eines Ereignisses zu sprechen.

Journalist*innen in Rollstühlen

Zu oft ist auch immer noch lediglich die Diagnose von Menschen mit Behinderung interessant. Viele Schlagzeilen des funk-Formats TRU DOKU zielen beispielsweise nur darauf ab. So heißt es dort: „Leben mit Mukoviszidose” oder „Mein Leben mit ALS” oder „Mein Leben mit chronischer Migräne”. Auch wenn es in den Video-Beiträgen dann nicht nur um die Behinderung der Protagonist*innen geht, bleibt sie trotzdem der Aufhänger und der Grund der Berichterstattung.

Mindestens so eindimensional sind Beiträge, in denen Journalist*innen ohne Behinderung sich in Rollstühle setzen oder verdunkelte Brillen aufziehen, um zu berichten, wie barrierefrei unsere Städte sind oder wie blinde Leute leben. Anstatt einfach Menschen mit Behinderung zu fragen, ihren jahrelangen Beobachtungen oder Erfahrungen zum Thema zu trauen und sie ins Zentrum zu rücken, veranstalten sie eine Maskerade und machen eher Unterhaltung als Journalismus. Das mag für manches Publikum vielleicht erhellend sein, für viele Betroffene ist es eher erniedrigend.

Alle Lebensrealitäten abbilden

Ein Beitrag im Deutschlandfunk Kultur vermeidet beides: Im Interview mit der Rabbinerin Julia Watts Belser, die mit dem Rollstuhl unterwegs ist, geht es nicht um ihre persönliche Diagnose oder darum, wie sie durch die Stadt kommt, sondern um Fragen wie „ist der Himmel barrierefrei?” oder „hat Gott auch eine Behinderung?”.

Behinderte Menschen sind oder werden nicht nur behindert, sie haben Interessen, sind Wähler*innen oder Konsument*innen. Ihre Meinung und Lebensrealität sollte also bei allen gesellschaftlichen Themen eine Rolle spielen. Das reicht von der Politik über die Klimakrise bis zur Geschlechtergerechtigkeit.

Besser berichten über Menschen mit Behinderung


„Tapfer und mutig meistern sie ihr Leben”

Zum „schweren Schicksal“ gehört fast automatisch das Überwinden, Bewältigen oder „Meistern“ der Behinderung. Gerne auch auf „tapfere“, „mutige“ oder „bewundernswerte“ Weise. Ein „normales Leben“ mit Behinderung ist für viele unvorstellbar  – und kommt es doch vor, gleicht es einem „Wunder“. 

Alternative: Für viele Menschen ist die Behinderung Teil ihres Lebens, den sie akzeptieren und als bloße Frage der Organisation verstehen – ganz ohne Tapferkeit.

 

Lebensfreude und Lebensmut

Bewunderung und Lob für Alltägliches – viele behinderte Menschen kennen das und wundern sich darüber. Dass sie einkaufen, arbeiten, abends ins Kino oder in den Club gehen ist für sie völlig normal, für andere aber kaum zu glauben. Heldenhaft müssen diejenigen wohl sein, die „trotzdem“ rausgehen, ihr Leben genießen, lachen und nicht traurig zuhause sitzen. Ihnen wird gerne „Lebensfreude“ oder „Lebensmut“ bescheinigt, einfach weil sie ihren Alltag leben oder besser: weil die Annahme vom gebeutelten Dasein halt nicht zutrifft.

Alternative: Behinderte Menschen wollen mit der Normalität ihres Lebens gesehen und nicht bewundert oder glorifiziert werden.

 

„Trotz seiner Behinderung hat er einen Job bekommen“

„Trotz ihrer Krankheit lebt sie ein ganz normales Leben“. Behinderung ist in den Augen vieler etwas, das immer im Weg steht, das vom Leben abhält, passiv und abhängig macht. Behinderung können sich viele nur als Negativ-Faktor im Leben vorstellen, nicht als etwas Positives.

Alternative: Dass behinderte Menschen Dinge nicht trotz oder wegen, sondern mit ihrer Behinderung tun, sollte sprachlich selbstverständlich werden.

 

Jemand leidet an etwas

„Marie-Luise Pfaue leidet an Muskelschwund“ – „leidet an“ ist eine Standardformulierung in fast jedem Text über behinderte Menschen. Und so leicht sie aus der Feder fließt, so falsch ist doch die darin enthaltene Unterstellung. Ob Pfaue wirklich an ihrer Krankheit „leidet“ kann nur sie wissen – doch das wird stillschweigend vorausgesetzt. Pfaue hat mal gute, mal schlechte Laune, ist mal glücklich oder unglücklich, wie alle anderen Menschen auch.

Alternative: Dass ihnen ihre Behinderung dauerndes, konstantes Leiden bringen würde, bestreiten die meisten behinderten Menschen. Marie-Luise „hat“ oder „lebt mit einer Muskelkrankheit“  – solche Formulierungen kommen der Realität deutlich näher. 

 

An den Rollstuhl gefesselt

Auch wenn die Vorstellung, Rollstuhlfahrende seien „gefesselt“,  absurd scheint – dieser Ausdruck ist immer noch nicht aus der Welt. Und mit ihm lebt ein Bild von Passivität, Ohnmacht und Hilflosigkeit weiter. Das macht auch die abgeschwächte Form „an den Rollstuhl gebunden“ nicht besser. Dabei befinden sich Rollstuhlfahrer*innen gar nicht permanent im Rollstuhl, sitzen zum Beispiel auch mal auf dem Sofa oder laufen (!) auf Krücken. Der Rollstuhl bedeutet für viele genau das Gegenteil von „gefesselt sein“: Er ermöglicht Bewegungsfreiheit und Teilhabe.

Alternative: Statt gefesselt zu sein „nutzen“, „benutzen“ oder „brauchen“ Rollstuhlfahrende einen Rollstuhl, „sitzen“ in ihm, sind „auf ihn angewiesen“ oder sind einfach mit ihm „unterwegs“. Falls Sie doch mal einen Menschen treffen sollten, der an einen Rollstuhl gefesselt ist – binden Sie ihn los!

 

Du

Menschen mit Behinderung über 18 sind volljährig. Auch wenn sie Lernschwierigkeiten haben oder kleinwüchsig sind – Erwachsensein bedeutet, Respekt erwarten zu können und ein Gespräch auf Augenhöhe. Dennoch streicheln ihnen manche Menschen über den Kopf oder sprechen nur mit ihren nicht-behinderten Begleitpersonen. Dass sie gesiezt und mit dem Nachnamen angesprochen werden, ist nicht selbstverständlich – sollte es aber sein.

Alternative: Gleichberechtigung braucht Ernstnehmen, Achtung und auch ein „Sie“ – das fordern behinderte Menschen zunehmend ein.

 

Was behinderte Menschen alles nicht können…

Behinderung ist, wenn jemand etwas nicht kann – so denken viele. Und konzentrieren sich auf die vermeintlichen Defizite: „Schleppender Gang“, „ein Blick, der ins Leere geht“ oder die „spastisch verkrampften Hände“. Das Bild des „schweren Lebens“ voller Entbehrungen soll Mitleid wecken. Was oft fehlt, sind die Fähigkeiten behinderter Menschen und der Blick auf das, was sie können. Das jedoch scheint vielen Medienmacher*innen keine Geschichte wert zu sein – da fehlen Drama und Sensation.

Alternative: Redaktionen sollten sich nicht nur auf die Defizite konzentrieren, sondern vor allem auf das, was behinderte Menschen können – wahrscheinlich ist das mehr, als viele denken. 

Noch mehr Tipps für die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung gibt es auf Leidmedien.de.

Checkliste für mehr Perspektiven und weniger Klischees

Wer weniger einseitig berichten und vielfältige Positionen, Blickwinkel und Themen berücksichtigen will, kann sich bei der journalistischen Arbeit regelmäßig die folgenden Fragen stellen:

 

Was ist meine persönliche Einstellung zum Thema?

In den Redaktionen arbeiten keine Nachrichtenautomaten, die zuverlässig objektive Wahrheiten ausspucken, wenn man ein beliebiges Weltgeschehen in sie hineinsteckt. Der Bias, also die verinnerlichten, unbewussten Vorurteile von Journalist*innen, wirken bereits bei der Entscheidung mit, welchen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit sie für berichtenswert halten. Professionelle Berichterstattung beginnt deshalb damit, sich die eigenen Interessen, Einstellungen, Erfahrungen und Vorlieben bewusst zu machen. Wer seine persönliche Perspektive negiert und seine Sicht der Dinge für allgemeingültig hält, ist dem eigenen begrenzten Blick auf die Welt nur umso mehr ausgeliefert.

 

Bilde ich vielfältige Perspektiven auf mein Thema ab? 

Es lohnt sich, jedes Thema aus möglichst vielen Perspektiven zu betrachten, bevor man sich dafür entscheidet, wie der Bericht schließlich aussehen soll. Journalist*innen neigen dazu, gesellschaftliche Debatten auf Mannschaftswettkämpfe zu verkürzen: Team Kopftuch gegen Team Neutralität. Team Anti-Rassismus vs. Team Meinungsfreiheit. Team Klimaschutz vs. Team Wirtschaft. 
Doch die Realität bietet weit mehr Facetten. Ein Gespräch mit Fachleuten kann eine gute Einordnung liefern und die eigene Perspektive erweitern. Vielleicht gibt es ja auch jemanden in Ihrer Redaktion, der oder die auf neue Perspektiven aufmerksam machen könnte. Wenn nicht, sollte das thematisiert werden.

 

Kommen Betroffene zu Wort? 

Dass im TV ausschließlich weiße Gäste miteinander über Rassismus, Heterosexuelle über Homophobie und Menschen ohne Behinderung über Teilhabe im Bildungssystem reden, kommt zwar immer noch vor, sorgt aber mittlerweile immerhin für Unmut. Aber auch bei allen anderen Themen sollten Medien die gesamte gesellschaftliche Vielfalt abdecken. Schließlich betreffen Themen wie Rente, Corona und die Bierpreise auf dem Oktoberfest uns alle.

Einige Gruppen bleiben übrigens auch deshalb außen vor, weil sie nicht über die nötigen Ressourcen verfügen und keine professionelle Pressearbeit mit Ansprechpersonen bieten können. Das ist ein erschwerender Umstand für Journalist*innen, aber keine Ausrede. Wie Sie den beheben können, erfahren Sie hier.

 

Nehme ich die Täter*innen-Perspektive ein?

Vor allem in der Berichterstattung über Hasskriminalität geschieht es häufig, dass Journalist*innen Täter*innen und Opfer vertauschen. Ein schwules Paar wurde nicht niedergeschlagen, „weil sie sich küssten”, eine Ehefrau wurde nicht ermordet, „weil sie sich trennen wollte”, ein Jude wurde nicht angespuckt „weil er eine Kippa trug”, eine Frau wurde nicht angegriffen „weil sie ein Kopftuch trug”. Menschen werden Opfer von Gewalt aufgrund homofeindlicher, misogyner oder antisemitischer Einstellungen der Täter*innen. Überschriften wie „Sie musste sterben, weil sie ein Kopftuch trug“ nehmen ausschließlich die Sicht der Täter*innen ein. Das muss man wollen und nicht aus Versehen tun.

 

Hinterfrage ich Klischees? 

Journalist*innen sind beides: Chronist*innen und Akteur*innen gesellschaftlicher Diskurse. Vor allem bei der Berichterstattung über gesellschaftlich benachteiligte Minderheiten sollten sie Vorurteile hinterfragen, die allgemein vorherrschenden Standpunkte nicht als gegeben hinnehmen, sondern analysieren und einordnen.

Handelt die Geschichte wirklich von „arabischen Großfamilien“ oder waren es vielleicht doch nur drei Halbstarke in Berlin-Neukölln? Stimmt es überhaupt, dass Menschen mit Behinderung immer „unter ihrem Schicksal leiden”? Haben bisexuelle Menschen wirklich besonders häufig wechselnde Partner? Und gibt es tatsächlich Karrierefrauen, aber nie Karrieremänner?

Journalist*innen sind nicht davor gefeit, Klischees auf den Leim zu gehen. Mit professioneller Berichterstattung hat das Ergebnis dann nicht mehr viel zu tun.

 

Gehe ich Populist*innen auf den Leim?

Das Verbreiten von Klischees und Unwahrheiten ist der erste Schritt, um gesellschaftliche Stimmungen und Debatten zu erzeugen, die nichts mit der Realität zu tun haben. Oft ist es nur ein kleiner Spin, der aus einem unbedeutenden Ereignis einen medialen Aufreger macht: Wollen „die Muslime“ wirklich „unser Weihnachten“ verbieten oder stammt die Aussage ursprünglich von irgendeinem Typen im Netz? Hat die Gender-Professorin wirklich Sprechverbote gefordert oder vielleicht einfach einen Vorschlag gemacht? Ist die neue Kita-Broschüre wirklich etwas für Seite 1 oder nicht doch ein Thema für den nächsten Elternabend?

Es gehört zur Strategie von Populist*innen, mit gezielten Provokationen und Tabubrüchen ihre Thesen in die Öffentlichkeit zu bringen. Es gehört zum Job von Journalist*innen, nicht darauf hereinzufallen.

 

Polarisiere ich unnötig?

Journalismus muss verständlich sein, aber nicht vereinfachend. Themen wie Flucht und Migration, die Ursachen urbaner Kriminalität, die vielfältigen Versuche, unsere Sprache geschlechtergerecht zu machen oder nicht-binäre Identitäten sind nunmal komplex. Monokausale Erklärungen und undifferenzierte Unterscheidungen zwischen gut und böse führen fast immer in die Irre. Das können Sie dem Publikum auch ruhig so sagen.

 

Normalisiere ich anti-demokratische, unwissenschaftliche oder menschenfeindliche Positionen?

Zum Glück kommt heute kein*e Redakteur*in mehr auf die Idee, ein „Pro und Contra” zum Thema Frauenwahlrecht abzudrucken oder in einem Kommentar die Neuverhandlung der Oder-Neiße-Grenze zu fordern. Die Stärke der demokratischen und menschlichen Werte unserer Gesellschaft zeigt sich auch daran, dass wir bestimmte Debatten nicht (mehr) führen. Deshalb können Medienschaffende auch darauf verzichten, Personen Raum zu geben, die es eindeutig darauf abgesehen haben, rassistische, sexistische, queerfeindliche oder anti-demokratische Positionen zu normalisieren.

Fragen wie „Sollen wir Flüchtlinge im Mittelmeer retten?”, „Sind gleichgeschlechtliche Eltern gefährlich für Kinder?” oder „Gehört der Islam zu Deutschland?” zielen bewusst darauf ab, ohnehin schon ausgegrenzte Gruppen weiter zu marginalisieren und unter dem Vorwand der „Debatte” Unsagbares als legitime Position erscheinen zu lassen. Perspektiven- und Debattenvielfalt ist wichtig. Sie hat aber auch ihre Grenzen und die stehen im Grundgesetz.

Sollen trans* Personen selbst über ihre geschlechtliche Zuordnung entscheiden, dürfen inter Personen an Sportwettbewerben teilnehmen? Steile Meinungen dazu äußern auffallend häufig Feuilletonist*innen oder Gastautor*innen mit beschränkter Sachkenntnis. Bei Minderheitenrechten sind jedoch Detailkenntnis und Fingerspitzengefühl gefragt. Gegen LGBTI+ gerichtete Propaganda wird mit Millionenbeträgen befeuert. Solche Kampagnen zu unterstützen, verbietet sich; es gilt, diese investigativ offenzulegen.
Joane Studnik, Berliner Zeitung

Bilde ich vielfältige Meinungen und Menschen ab?

Eigentlich eine leichte Übung für Journalist*innen. Und dennoch kommen manche gesellschaftlichen Gruppen kaum zu Wort, während andere Positionen und Personen omnipräsent sind. Gerade einmal 26 Prozent aller Expert*innen, die im Jahr 2020 zu Wort kamen, waren weiblich. In öffentlich-rechtlichen Talkshows saßen im Jahr 2019 zum Beispiel mehr Peters als alle türkischen Namen zusammen. Bildet das die Realität im Einwanderungsland Deutschland ab? Diese Frage sollten Journalist*innen bei der Zusammenstellung ihrer Protagonist*innen, Expert*innen oder Panelist*innen immer im Hinterkopf haben. 

Tipps & Tools für mehr Themen- und Perspektivenvielfalt

Sendungs- und Blattkritiken

Um Schieflagen in der eigenen Berichterstattung zu identifizieren, können Redaktionen sich qualifiziertes Feedback von Außen einholen. Unsere Organisationen bieten zum Beispiel Blatt- und Sendungskritiken mit dem Fokus auf Diversität im Journalismus. Von Kolleg*in zu Kolleg*in. Genauso sinnvoll können Blattkritiken durch Vertreter*innen von anderen NGOs und Selbstorganisationen von Menschen mit Rassismus- oder Diskriminierungserfahrungen sein. Bei Interesse wenden Sie sich gern an uns.

 

Besser berichten über Menschen mit Behinderung

Wie berichtet man klischeefrei über behinderte Menschen? Wie lenkt man den Fokus von der Behinderung auf die Geschichte der Protagonist*innen? Mit Workshops für Redaktionen bieten Leidmeiden eine Sensibilisierung für Sprache und Bilder über behinderte Menschen an. Interessierte können Sich an workshop​leidmedien.de wenden.

 

Aus- und Fortbildungen für die Berichterstattung im Einwanderungsland

Keine*r von uns ist frei von Vorurteilen, aber eine vorurteilsfreie Berichterstattung ist trotzdem möglich. Das lässt sich trainieren. Mit praxisbezogenen Trainings und Workshops können Journalist*innen für klischeefreie journalistische Arbeit sensibilisiert werden, Fallstricke erkennen und Methoden für die professionelle Berichterstattung im Einwanderungsland lernen.

Für Volontär*innen sollten entsprechende Seminare verpflichtend sein. Die Neuen deutschen Medienmacher*innen bieten solche Trainings an, analysieren ausgewählte Beispiele der Berichterstattung des auftraggebenden Hauses und erarbeiten in Workshops an der journalistischen Praxis orientierte Alternativen.

 

Analysen der eigenen Berichterstattung

Die Neuen deutschen Medienmacher*innen bieten an, journalistische Beiträge oder Strecken über einen abgesprochenen Zeitraum zu untersuchen: inhaltlich, thematisch, in der Bildauswahl, der Vielfalt der Interviewpartner*innen und den Perspektiven. Die Ergebnisse können beispielsweise in der Redaktion in Verbindung mit einem Workshop zu einer Verbesserung der Berichterstattung beitragen. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an: expertinnen​neuemedienmacher.de.

 

Online-Kurse für Berichte über Migration und Integration

Der Mediendienst Integration und das Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus erstellen eine E-Learning-Plattform mit Onlinekursen zu den Themen Medien, Migration und Integration. In den Kursen geht es etwa um den Umgang mit traumatisierten Interviewpartner*innen oder die Berichterstattung über Muslim*innen in Deutschland. Die Plattform soll Anfang 2022 online sein.

 

Sensibler über Hassverbrechen berichten

Das Projekt #ImGespräch von Volontär*innen der Deutschen Journalistenschule (DJS) und dem Mediendienst Integration dokumentiert sehr beeindruckend die Perspektive von Hinterbliebenen der Anschläge von Hanau und Halle auf die Medienberichterstattung und bietet Empfehlungen, wie Journalist*innen besser über rechten Terror und Hassverbrechen berichten können.

 

Reporting on Migration and Refugees: Handbook for Journalism Educators

Ein neues Handbuch für Journalist*innen gibt einen Überblick über die wichtigsten Definitionen, Konzepte und Theorien zu Migration und Flucht aus der journalistischen Perspektive: Themenfindung, Medienwirkung, ethische Aspekte und redaktionelles Marketing kommen ebenso vor wie kollaborative Ansätze in der Migrationsberichterstattung.

Zahlreiche internationale Fallbeispiele aus allen Kontinenten geben Einblick in aktuelle Fragen von Migration und Flucht, auch in ganz unterschiedlichen Mediensystemen und journalistischen Kulturen.

Gastbeitrag: Medienthema "Gewalt gegen Frauen"

Eine Frage professioneller Qualität und sozialer Verantwortung

von Bärbel Röben

Mehr als die Hälfte aller Frauen in Deutschland erlebt sexuelle Belästigungen, jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet. Wenn Medien Gewalt gegen Frauen – in den Nachrichten oder im Krimi – thematisieren, dann können sie Teil des Problems, aber auch Teil der Lösung sein. Reproduzieren sie gängige Geschlechterbilder, dann begünstigen sie eine Normalisierung sexualisierter Übergriffe.

Benennen sie diese Menschenrechtsverletzungen aber klar als Gewalttaten und ordnen sie in den Kontext sozialer Machtverhältnisse ein, dann ermöglicht das die Prävention von Gewalt gegen Frauen und ermächtigt die Betroffenen. Medienschaffende sollten deshalb anders berichten und erzählen – aus sozialer Verantwortung, aber auch weil es eine Frage der professionellen Qualität und Berufsethik ist!

Nur wenige Medien nennen Gewalt gegen Frauen beim Wort

#MeToo brachte 2017 ans Tageslicht, wie viele Menschen weltweit sexualisierte Gewalt erleiden. 2018 trat auch in Deutschland die Istanbul-Konvention in Kraft, nach der Regierungen sich verpflichten, die Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt zu verhindern. Für Medien gilt es, „Richtlinien und Normen der Selbstregulierung festzulegen, um Gewalt gegen Frauen zu verhüten und die Achtung ihrer Würde zu erhöhen“. Die Deutsche Presse-Agentur war bereits 2019 vorgeprescht und hatte verharmlosende Begriffe wie „Familientragödie“ oder „Beziehungsdrama“ aus ihrem Wortschatz verbannt.

Doch der Verein Gender Equality Media entdeckte beim Screening der Berichterstattung 2020 noch in 93 Prozent der 250 täglich gescannten Medien verharmlosende Begriffe wie „Familiendrama“. Nur wenige nannten Gewalt gegen Frauen beim Wort – etwa die Schleswiger Nachrichten, die im Falle einer ermordeten Frau von „Femizid“ schrieben. Die Ergebnisse des Screenings von Medien mit Online-Auftritt sind in einer monatlich aktualisierten interaktiven Karte abrufbar. Im Corona-Jahr sei im Vergleich zu den Vorjahren mehr über häusliche Gewalt berichtet worden, konstatieren die Aktivistinnen.

Forschung: Gewalt gegen Frauen verharmlost als „tragische Einzelfälle“

Auch wenn die Pandemie die alltägliche Gewalt gegen Frauen stärker ins Blickfeld gerückt hat, wird sie immer noch selten als gesellschaftliches Problem thematisiert, das mit patriarchalen Strukturen und Normen zusammenhängt. So kursiert weiterhin die Vorstellung, alltägliche Gewalt gegen Frauen ist „Privatsache“ und Morde sind „tragisch“ – es sei denn, sie werden von nicht-deutschen Tätern verübt. Dann könne man sich durch Abschiebungen vor „fremder Gewalt“  schützen.

Doch die Wirklichkeit ist eine andere und Medienschaffende haben eine Verantwortung, mit geschärfter Sensibilität zu berichten oder zu erzählen, einzuordnen und Orientierung zu geben. 

Wie dringlich ein Umdenken in den Redaktionen ist, zeigen Forschungsarbeiten zur Berichterstattung und ihrer Rezeption. Im Juli veröffentlichte die Otto-Brenner-Stiftung ihr Arbeitspapier „Tragische Einzelfälle? Wie Medien über Gewalt an Frauen berichten“ – eine quantitative Inhaltsanalyse der Mainzer Kommunikationsforscherin Christine Meltzer.

Sie untersuchte 3.500 Artikel, die zwischen Januar 2015 und Juni 2019 in drei Boulevardblättern, vier überregionalen und fünf regionalen Tageszeitungen erschienen. Die Daten verglich sie mit der Kriminalstatistik und kam zu dem Schluss, dass überproportional über Tötungsdelikte (1% zu 55 %) berichtet wird, obwohl Körperverletzungen (65% zu 18 %) in der Realität viel häufiger vorkommen.

Mehr Raum für Betroffene

Während 38 Prozent der Straftaten gegen Frauen in Ehe, Partnerschaft und Familie verübt werden, machen sie nur 23 Prozent der Medienberichte aus und werden zudem als „tragische Einzelfälle“ präsentiert. Erwähnung finden Motive der Täter wie Eifersucht oder Angst vor Trennung, aber selten die Gewalterfahrungen, die Frauen zuvor erlebten – aufgrund von krankhafter Kontrollsucht und patriarchalem Besitzdenken ihrer Partner. So werden die strukturellen Ursachen der Gewalt ausgeblendet.

Gerade den Betroffenen sollten Medienschaffende mehr Raum in ihrer Berichterstattung geben – besonders den Frauen, die ausgegrenzten und diskriminierten Gruppen angehören: Obdachlosen, Geflüchteten, Menschen mit Migrationsgeschichte oder Behinderungen. Der Fall dürfe nicht aus Täter-Perspektive aufgerollt werden. 

Meltzer kritisiert, dass die partnerschaftliche Gewalt „bei Journalist*innen immer noch als privates Thema aufgefasst wird“ und weniger Nachrichtenwert hat als die weitaus seltenere Gewalt an Frauen durch Fremde. 79 % der Täter waren 2018 Deutsche. Thematische Rahmungen und daraus abgeleitete politische Forderungen gibt es bei Gewalt an Frauen zudem dreimal häufiger, wenn Täter als nicht-deutsch markiert sind – verstärkt nach der Kölner Silvesternacht.

Nach der 2017 verwässerten Antidiskriminierungsrichtline des Presserats empfiehlt sie Medienschaffenden eine „sorgsame Abwägung von Herkunftsnennungen“, damit Gewalt gegen Frauen nicht als „ein Thema der anderen“ wahrgenommen wird. Außerdem sollten Medien über Beratungsangebote, Hilfetelefone oder Frauenhäuser informieren, denn rund zehn Prozent der Frauen, die von Gewalt betroffen sind, wissen nicht, wo sie Hilfe finden können.

Medienberichte können Gewaltopfer retraumatisieren

Ähnliche Schlüsse ziehen auch die Kommunikationswissenschaftlerinnen Christine Linke und Ruth Kasdorf, die in einem von der MaLisa Stiftung und der UFA GmbH geförderten Projekt geschlechtsspezifische Gewalt im Deutschen Fernsehen erforschten. Darunter verstehen sie die in der Istanbul-Konvention adressierte Gewalt, die in gesellschaftlichen Strukturen und Werten verwurzelt ist und sich gegen eine Person aufgrund ihres biologischen oder sozialen Geschlechts richtet.

Sie untersuchten mittels einer qualitativen Medieninhaltsanalyse 545 Sendungen, die repräsentativ sind für die Angebote des deutschen Fernsehens 2020. Sie wurden zwischen 18 und 22 Uhr von ZDF, Das Erste, RTL, RTL2, Vox, ProSieben, SAT1 und Kabel Eins ausgestrahlt. 

Fazit: Geschlechtsspezifische Gewalt kommt in den drei Programmsparten Fiktion, Information und Unterhaltung in gut einem Drittel der Sendungen vor. Dort werden 290 unterschiedliche Gewalthandlungen gezeigt – „vor allem in Krimis“, wie Christine Linke auf Nachfrage erläuterte. Sie kritisierte, dass es im Gegensatz zu Streamingangeboten im Fernsehen keine Triggerwarnungen vor brutalen Szenen gegeben habe, sodass Gewaltopfer retraumatisiert werden könnten. Das passt zum Ergebnis, dass „nur in den wenigsten Fällen die Perspektive von Betroffenen und Opfern“ im Fokus stehen. Die strukturelle Dimension geschlechtsspezifischer Gewalt und Möglichkeiten der Prävention und Hilfsangebote werden auch hier kaum sichtbar.  Expert*innen zum Thema Gewalt gegen Frauen aus Praxis oder Wissenschaft kommen nicht zu Wort, ergänzte Karin Heisecke, Projektleiterin bei der MaLisa-Stiftung.

Doch es geht auch anders. Linke nennt als „Leuchtturm“ die Folge „Teufelskreis“ aus der ZDF-Serie „Lena Lorenz“, in der es um häusliche Gewalt geht und die Hebamme als Titelheldin professionelle Hilfe leistet. Die strukturelle Dimension werde thematisiert und der Weg der jungen, von ihrem Mann geschlagenen Mutter differenziert dargestellt, lobte die Forscherin und resümierte: „Die Sensibilität für das Thema muss geschärft werden!“

Fatale Wirkungen: Täterperspektive verstärkt „Victim-Blaming“

Dass gängige mediale Darstellungen fatale Wirkungen haben, bestätigt die Studie „Rezeption medialer Frames in der Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen“ , die Diplompsychologin Mimke Lena Teichgräber im Auftrag des Landesverbandes Frauenberatung Schleswig-Holstein im Herbst 2020 erstellte. In einer Online-Befragung legte sie 724 Teilnehmenden vier Varianten eines Zeitungsartikels über partnerschaftliche Gewalt vor.

Den größten Einfluss auf die Einschätzung des Falls hatten danach „die Kontextinformationen zu Täter und Betroffener, sowie die Benennung des strukturellen Ausmaßes von Gewalt gegen Frauen“ – etwa durch Kriminalstatistik und Einordnung als patriarchale Gewalt. Worte wie „Familiendrama“ gingen „mit einer höheren Verantwortungszuschreibung an die Betroffene und weniger Mitgefühl für sie einher, was Victim-Blaming verstärkt“. Eine Fokussierung auf die Perspektive des Täters führe zu einem „gesteigerten Verständnis für die Tat“ und die Wahrnehmung des Verbrechens als Einzelfall.

Wie Medien den Wandel befördern können

Wie es auch anders gehen kann, hatten die Kommunikationswissenschaftlerinnen Jutta Röser und Claudia Kroll bereits 1995 erforscht – in ihrer Studie „Was Männer und Frauen vor dem Bildschirm erleben: Rezeption von Sexismus und Gewalt im Fernsehen“. In Gruppendiskussionen ermittelten sie Reaktionen auf zwei Filmausschnitte, in denen Gewalt gegen Frauen unterschiedlich dargestellt wird. In dem ersten wird das weibliche Opfer brutal erwürgt, im zweiten wehrt eine Frau sich erfolgreich mittels Kampfsporttechniken gegen ihren männlichen Angreifer.

Mit der Ermordeten im ersten Filmbeispiel identifizierten sich die Zuschauerinnen, weil viele Gefühle des Ausgeliefertseins aus ihrem alltäglichen Erleben kannten. Die Männer aber distanzierten sich von dem hilflosen Opfer, da sie überzeugt waren, sich gegen einen Angriff wehren zu können. Das zweite Filmbeispiel mit der wehrhaften Frau dagegen ermutigte die Frauen. Mediale Gewaltdarstellungen können so gesellschaftliche Dominanzverhältnisse verfestigen oder Wandel befördern. 

Doch kreative Möglichkeiten, „die persönliche Perspektive der Opfer und die schädlichen Folgen von Gewalt gegen Frauen sichtbar“ zu machen, nutzt selbst der beliebte Fernsehkrimi „Tatort“ nicht, stellte Hannah Heinzinger 2020 nach einer qualitativen Filmanalyse von vier Folgen fest: “Durch Darstellungsstrategien, die Frauen unsichtbar machen oder sie voyeuristisch exponieren, die Täter hingegen verharmlosen oder ungestraft davonkommen lassen, reproduziert der Tatort misogyne Gesellschaftsstrukturen.“

Handlungsempfehlungen: Sensibilisierung für die Berufspraxis und Schutz vor Gewalt

Handlungsempfehlungen für Medien, wie sie misogyne, d.h. frauenfeindliche Gesellschaftsstrukturen aufbrechen können, beziehen sich selten auf Gewalt gegen Frauen in fiktionalen Formaten. Zumeist adressieren sie die journalistische Praxis, d. h. das Berichten über Fakten. 

In vielen Studien wird empfohlen, Leitfäden für sensible Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen zu nutzen, wie es sie bereits in Deutschland, Österreich, Großbritannien oder Kanada gibt. 
Diese Leitplanken für die Redaktionspraxis entfalten mehr Wirksamkeit, wenn sie auch in den etablierten Institutionen der Medienselbstkontrolle verankert sind, wie es in der Istanbul-Konvention verlangt wird. Vorbild ist da der Österreichische Presserat, der 2019 mit Bezug auf seinen Ehrenkodex, Medien aufgefordert hat, „mit mehr Achtsamkeit und Sensibilität über Gewaltverbrechen an Frauen zu berichten und auf den Persönlichkeitsschutz der Opfer zu achten“. Zielführend sei es zudem, „am Ende eines Artikels auf Hilfseinrichtungen für Frauen hinzuweisen“. 

Auch in Deutschland gibt es nach Auskunft von Karin Heisecke eine solche Initiative. Der Landesverband Frauenberatung habe eine Empfehlung für Medienschaffende erarbeitet, die sich am Pressekodex orientiert. Sie sollten „sachlich und ausgewogen über Gewalt gegen Frauen“ berichten. Das Papier enthalte „Alternativen zu gewaltverharmlosenden Begriffen“ und zeige auf, „wie zwischen Täter- und Opferperspektive ausgewogen berichtet werden kann“.

Workshops gegen Stereotype

Solche Leitplanken können die journalistische Qualität verbessern, indem sie inhaltlich sensibilisieren und professionelles Handwerkzeug liefern, damit Medien ihre öffentliche Aufgabe erfüllen können. Das Gleiche gilt für fiktionale Formate, die aufgrund ihrer öffentlichen Wirkung auch eine soziale Verantwortung haben. Und da sollten Drehbuchautor*innen genauso die Expertise von Fachleuten einholen wie Journalist*innen. 

Die Umsetzung und Anwendung der Leitlinien muss aktiv gefördert werden. Einen ersten Schritt habe das Produktionsunternehmen UFA im Rahmen seiner Diversity-Selbstverpflichtung von 2020 gemacht, berichtete Karin Heisecke von der MaLisa-Stiftung. Mit Menschen aus Gruppen, die im deutschen Fernsehen unterrepräsentiert sind, habe die UFA Leitfäden entwickelt, „die in Form eines Fragenkatalogs allen Kreativen dabei helfen sollen, ihre Projekte, Narrative und Charakterzeichnungen hinsichtlich Stereotypen kritisch zu hinterfragen“. Dabei gehe es auch um die Darstellung geschlechtsspezifischer Gewalt. Für 2022 plant die UFA Workshops zur Stoffentwicklung, in denen stereotypisierte Erzählmuster zu sexualisierter Gewalt reflektiert werden sollen.

Mitarbeitende von Medienhäusern und Produktionsfirmen  sollten für Workshops während ihrer Arbeitszeit freigestellt werden. Doch die Sensibilisierung beginnt bereits in der Ausbildung von Medienschaffenden an universitären Journalismusstudiengängen, an Film- und Kunsthochschulen oder Journalistenschulen. „Gewalt gegen Frauen“ als Sinnbild sozialer Machtverhältnisse sollte als Querschnittthema fest verankert werden in Pflichtveranstaltungen des Curriculums – etwa Medienethik oder Interviewtechnik, Filmstoffentwicklung oder Kameratechnik.

Führungskräfte tragen Verantwortung

Zugleich haben Führungskräfte in Medienunternehmen eine Fürsorgepflicht für Mitarbeitende. Nach der Umfrage „Vielfalt im Film“ von 2020 erlebten 81 Prozent der diskriminierten Frauen in den letzten zwei Jahren mehrfach sexuelle Belästigung im Arbeitskontext – in allen Berufen der Filmbranche. Das zeigt, wie dringlich es ist, geschlechtsspezifische Gewalt, sexualisierte Übergriffe und Machtmissbrauch im eigenen Haus vorzubeugen – zumal Arbeitgeber*innen nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz AGG verpflichtet sind, sexueller Belästigung am Arbeitsplatz nachzugehen und zu sanktionieren.

Oder sie können die Einrichtung branchenübergreifender Anlaufstellen – wie Themis für Beschäftigte in Film, Fernsehen und Theater – unterstützen. Bei Angriffen von außen durch Hassmails, Morddrohungen oder körperliche Gewalt, von denen vor allem Frauen und andere diskriminierte Gruppen betroffen sind, müssen Arbeit- und Auftraggeber*innen Medienschaffende schützen – sei es durch begleitendes Sicherheitspersonal oder psychologische und juristische Unterstützung. Das wird in einem „Kodex für Medienhäuser“ gefordert, den ein Bündnis von Journalist*innenorganisationen, Mediengewerkschaften und Beratungseinrichtungen im April 2021 vorgestellt hat. 

 


Eine ausführliche Übersicht mit Handlungsoptionen, Tipps und Tools zum Umgang mit dem Medienthema „Gewalt gegen Frauen“ hat Karin Heisecke, Leiterin der MaLisa-Stiftung zusammengestellt. Das Spektrum reicht von kurzen und prägnanten Leitfäden, die als Checklisten für den Redaktionsalltag geeignet sind bis zu ausführlich einordnenden Analysen von Gewalt gegen Frauen – angefangen bei struktureller Gewalt durch Lohndiskriminierung bis hin zu sexualisierter Gewalt, die beim Femizid endet. 

Tipps und Tools für Medienschaffende zum Thema Gewalt gegen Frauen

So können Medien Teil der Lösung werden

Im Folgenden finden Sie eine Sammlung an Tipps, Tools und Handlungsoptionen rund um das Thema Gewalt gegen Frauen. Diese Sammlung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit - Wir freuen uns über Hinweise auf weitere hilfreiche Tools und „Good Practices“.

für den journalistischen Arbeitsalltag

für den Arbeitsalltag im Bereich Fiktion

Ein erstes gutes Beispiel für den bewussten Umgang mit dem Thema (sexualisierte) geschlechtsspezifische Gewalt ist der Leitfaden zu Gender, den die UFA im Rahmen ihrer Diversity-Selbstverpflichtung entwickelt hat.

„Nur aus erzählerischen Gründen kann in Ausnahmefällen die Darstellung von Sexismus und sexualisierter Gewalt notwendig sein. In diesem Fall stellen wir uns folgende Fragen:
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•    Wozu dienen Szenen, in denen meine Protagonist*innen herabgewürdigt werden?
•    Wozu dienen Szenen, in denen Menschen aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden?
•    Welche Perspektive bediene ich in diesen Szenen?
•    Sind die Szenen mit sexuellen Inhalten notwendig? Welche Perspektive bediene ich in diesen Szenen?
•    Haben wir Expert:innen / Betroffene zur Beratung hinzugezogen?“

Die UFA plant darüber hinaus 2022 eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema „Darstellung von geschlechtsspezifischer Gewalt“ in ihren vier Genre-spezifischen Einheiten (Fiction, Serial Drama, Show & Factual, Documentary).

Branchenweite Selbstverpflichtungen und Anwendung existierender Berufs-Standards

  • Der österreichische Presserat hat 2019 zu verantwortungsvoller Berichterstattung zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ aufgefordert.
     
  • Während der deutsche Presserat dies noch nicht getan hat, wurde im Dezember 2021 für den deutschen Kontext die Empfehlung „Pressekodex angewandt: Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen“ veröffentlicht. Sie richtet sich nach den journalistisch-ethischen Grundregeln des Pressekodex und versteht sich als eine Hilfestellung, über Gewalt gegen Frauen präzise und ausgewogen zu berichten. Sie wurde gemeinsam von Organisationen der Zivilgesellschaft und Medienschaffenden aus Schleswig-Holstein erarbeitet.
     
  • In Südafrika haben zahlreiche Vertreter*innen der Branche ein „Statement of Commitment for Gender Equality in South African Media“ (mit dem Ziel der Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt) unterzeichnet, das Selbstverpflichtungen in den drei Feldern „Gender-sensitive reporting“, „Un-stereotyping entertainment and storytelling“ und „Creating a safe and equal space “behind the scenes”“ umfasst.

In der Ausbildung für Medienschaffende

Der nachhaltigste Ansatz ist, den medienprofessionellen Umgang mit dem Thema Gewalt gegen Frauen / geschlechtsspezifische Gewalt bereits in der Ausbildung zu verankern, z.B. in Journalismus-Schulen, Filmhochschulen, Medien- / Kommunikationsstudiengängen. 

Dies ist im Einklang mit den Verpflichtungen des deutschen Bildungssystems unter Artikel 15 der so genannten „Istanbul-Konvention“ des Europarats. Sie gibt vor, dass für Angehörige aller relevanter Berufsgruppen, incl. Medienschaffende, geeigneten Aus- und Fortbildungsmaßnahmen angeboten werden zur Verhütung und Aufdeckung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, zur Gleichstellung von Frauen und Männern, zu den Bedürfnissen und Rechten der Opfer sowie zu Wegen zur Verhinderung der sekundären Viktimisierung.

Beispiele von vertiefenden Ressourcen, die u.a. in Kontexten der Ausbildung eingesetzt werden könnten, finden sich weiter unten.

Schutz von Medienschaffenden vor geschlechtsspezifischer Gewalt

Jede dritte Frau in Deutschland hat schon körperliche und / oder sexualisierte Gewalt erlebt. Das heißt statistisch gesehen auch mindestens jede dritte weibliche Medienschaffende. Das Prinzip der Prävention, Unterstützung von Betroffenen und Rechenschaft für diejenigen, die die Gewalt ausüben, gilt für Mitarbeitende in der Medienbranche ebenso wie für alle anderen gesellschaftlichen Gruppen.

Medienhäuser als Arbeitgeber*innen sind nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz AGG verpflichtet, sexueller Belästigung am Arbeitsplatz nachzugehen und zu sanktionieren. In hierarchisch organisierten Unternehmensstrukturen ist Machtmissbrauch / Missbrauch in Abhängigkeitsverhältnissen ein großes Risiko.

Über die Hälfte der Frauen in Deutschland haben sexuelle Belästigung erlebt. In der Filmbranche zeigen anonyme Umfragen sogar noch deutlich höhere Werte [Verlinkung zu den Ergebnissen der Vielfalt im Film Studie. 

Für die Film-. Fernseh- und Theaterbranche (und ab 2022 auch die Musikbranche) gibt es darüber hinaus eine unabhängige und überbetriebliche Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt: Themis bietet außer der Beratung von Betroffenen auch Beratung zu Präventionsmaßnahmen für Medienunternehmen oder Kultur-Einrichtungen an.

Der Einsatz von Intimacy Coordinators an Filmsets ist nicht nur eine wichtige Maßnahme für die Professionalität und die Qualität der Produktion, sondern auch eine wichtige Präventions-Maßnahme. Weitere Infos gibt es hier und hier.

Während der Schutz vor Gewalt und Bedrohungen für alle Journalist*innen wichtig ist, sind weibliche Medienschaffende noch stärker als ihre männlichen Kollegen (Online-)Hass und Bedrohungen ausgesetzt.

Adressen und Telefonnummern für Betroffene

Dachverbände der Unterstützungs-Einrichtungen:

Studien und wissenschaftliche Beiträge

Englischsprachige und internationale Guidelines und Studien